Echolote der Tiefenwahrnehmung
Die Unterschiede sind offensichtlich, wenn die hellen und lichtempfänglichen Wand- und Bodenobjekte von Doris Kaiser auf die zweidimensionalen Fotoarbeiten und Zeichnungen von Barbara Dörffler treffen, die in überwiegend dunklen, das Licht absorbierenden Tonwerten gehalten sind. Als korrespondierende Gegensätze böten sie bereits Anlass genug für eine dialogische Ausstellung. Die Idee dazu entzündete sich jedoch eher an den Gemeinsamkeiten, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen. So erforschen beide Künstlerinnen Raum und insbesondere Innen- und Zwischenraum auf eine Zeit verdichtende Weise, die ihm seine Geheimnisse lässt und seine letztendliche Unergründlichkeit freilegt.
Doris Kaiser arbeitet bevorzugt mit Gips und gebranntem oder ungebranntem Ton. Beide Materialien hat sie gründlich befreit aus ihrer traditionell dienenden Funktion. In eine neutrale Rechteckform gebracht, kann sich die ihnen eigene Beschaffenheit und ästhetische Qualität voll entfalten. Dabei ist ihre kulturelle, in Jahrtausenden überlieferte Anwendung indirekt einbezogen. So bleibt die Bearbeitung des Tons mit der Hand sichtbar, weist die makellos glatte Oberfläche des gegossenen Gipses gelegentlich eine konkave oder konvexe Wölbung auf, die – sehr entfernt – an eine Schale oder eine Gefäßwand erinnert. Selbst der tektonische Aspekt scheint unterschwellig anwesend zu sein.
Gelegentlich und insbesondere bei Bodenarbeiten sind die Formen aus Ton und Gips von einem offenen Kasten aus MDF umgeben, der zugleich als Sockel dient. Eine Ausnahme bildet ihr neuestes Werk ‚Four Squares’, das ausschließlich aus MDF-Platten besteht. Auch das exakte Quadrat kommt selten vor, im Gegensatz zu einem annähernd quadratischen und häufiger noch zu einem horizontal ausgerichteten rechteckigen Format.
Ineinander geschoben oder übereinander geschichtet, werden die skulpturalen und architektonischen, raumbildenden Qualitäten der Materialien zur Geltung gebracht.
Dabei entsteht ein Wechselspiel mit ihrer unterschiedlichen Behandlung, ihrer Präsenz und Absenz. In weiteren Wechselspielen zwischen geöffneten und verschlossenen Formen, zwischen Volumen und Leere wird eine Vielzahl räumlicher Bezüge und Vorstellungen sichtbar. Diese finden ihrerseits ein Echo in einer Gesamtform, die an einen Behälter, gelegentlich auch an ein architektonisches Modell denken lässt.
Die Schichten und Formen aus Ton und Gips bilden die Voraussetzung und Ausgangsbasis für das eigentliche Ziel: die Linie. Sie prägt die Binnenstruktur des plastisch-skulpturalen Körpers – als Fuge, die Flächen gliedert und rhythmisiert; als Spalt, der Hohlräume erahnen lässt; als Spur, die darunter liegende Schichten freilegt. Im Gegensatz zu der formal präzise abgrenzenden (Außen-)Kante und einigen wenigen Werken, bei denen ein Stahlband oder eine Stahlstange die Linie markiert sind diese Linien und linearen Formen definiert durch die Beschaffenheit des Materials, in das der Einschnitt erfolgt und durch Leere, durch nicht (mehr)-vorhandene Materie. Es sind somit auch Öffnungen, die einen gleichsam atmenden Austausch zwischen einem kaum einsehbaren, unbestimmbaren Innenraum des Werks und seiner auf Sichtbarkeit hin angelegten, klar definierten äußeren Form ermöglicht.
Susannah Cremer-Bermbach
Bonn, 2020
Textauszug/Katalogtext zur Ausstellung Barbara Dörffler Doris Kaiser in der Gesellschaft für Kunst und Gestaltung e.V.