Doris Kaiser

Das traditionelle Verständnis der Zeichnung kommentiert Doris Kaiser, die 2006 ihr bildhauerisches Schaffen um die autonome Zeichnung erweitert hat, durch die bewusste Ausschaltung der freien, intuitiv agierenden Handbewegung. Anstatt Herrin über die entstehenden Linienverläufe zu sein, überlässt sie die Führung des Zeichenstiftes konzeptuell vielmehr kleinteiligen Fundobjekten wie Blättern, Ästen oder Steinen, die sie als von der Natur geformte Schablonen auf das Papier legt, ihnen konturgenau nachspürt, sie abstrahierend vereinfacht; es ist eine künstlerische Haltung, die an Henry Moore und John Cage erinnert. Auch sie nutzten Fundobjekte (Steine) aus der Natur, um deren Konturen zeichnerisch auf Papiere zu übertragen, ein konzeptuelles Wechselspiel zwischen Urbild und Abbild zu beschreiben.
Für die Zeichnung „16-01-03“ (2016, Graphit, Wachskreide/-farbe, Aquarellfarbe, Papier; Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Graphische Sammlung) diente Kaiser ein stark gewinkelter Zweig als ein den Stift führendes Hilfsmittel. Jenseits des linken Blattrands an einem imaginären Drehpunkt fixiert und schrittweise verschoben, fächerte Kaiser, die in ihren dreidimensionalen Wand- und Bodenarbeiten aus Ton und Gips ebenfalls eine zeichnerische Haltung verfolgt, einen vom hellen Weiß hinterfangenen Linienraum auf, der in höchster grafischer Klarheit über das Papier wächst, und über dieses hinaus.

Kaisers Zeichnungen sind nicht Ergebnis innerer Motiventwicklungen, entstehen nicht aus dem Erlebnis von Spontanität und Unmittelbarkeit, vielmehr geben sie sich als auf dem Papier zurückgebliebene Spuren räumlich-plastischer Handlungen zu erkennen, die zugleich das bildhauerische Denken der Künstlerin auf den Raum des Papiers übertragen. In diesem Sinne verweigern sich ihre Arbeiten einer der Gattung der Zeichnung zumeist innewohnenden individuellen „Handschriftlichkeit“. Auf überaus sensible Art, die mit der reduzierten Wirkung ihrer plastischen Werke in Wechselwirkung steht, scheint Kaiser damit ebenso unprätentiös wie untergründig auf das in der Renaissance postulierte Theorem zu verweisen, nachdem die Natur die wahre Schöpferin, der Künstler hingegen lediglich ihr blasser Nachahmer sei.
Wenn uns die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin dann in „16-01-11“ (2016, Graphit, Farbstift, Papier; Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Graphische Sammlung) mit Hilfe einer faserigen, um einen Mittelpunkt verschobenen Papierkante einen tiefen Landschaftsraum, gar eine ferne Bergkette, suggestiv zu illusionieren vermag, führt die Kunst der Zeichnung einmal mehr eindrucksvoll vor Augen – auch im Vergleich zu den in diesem Katalog vorgestellten Positionen von Karl Bohrmann, Max Uhlig und Karin Sander –, dass sie Assoziationsprozesse schon mit minimalen Mitteln auslösen kann, dass sie Welt erschaffen kann, dort wo lediglich wenige Linien liegen.

Dr. Sören Fischer

 

Zitiert nach: „Vom Zauber der Handbewegung. Eine Geschichte der Zeichnung im 20. und 21. Jahrhundert“, Bestandskatalog der Graphischen Sammlung XVI, herausgegeben und kuratiert von Sören Fischer, Ausst.-Kat. Kaiserslautern, Berlin 2022, S. 248-249.