BILDHAUERIN

Hans Joachim Albrecht
in Katalog:
"Doris Kaiser -
Plastische Arbeiten"
SWK Krefeld 2002 

Annäherung an die plastischen Objekte von Doris Kaiser

An Wänden, vor Mauern, angehoben manchmal auf kubischen Trägern, häufig aber flach über dem Boden lagernd, erwarten uns die plastischen Objekte von Doris Kaiser. Doch ihre einfach wirkenden "Basisstücke" kommen den Betrachtern nur zögernd entgegen, ihre subtilen Eigenschaften geben sich spontan nicht preis. Sie zu entdecken, setzt eine ebenso bewusste wie behutsame Annäherung voraus.

Der rechtwinklige Aufbau wird besonders gut bei den Bodenobjekten vom umkreisenden Blick erfasst, der ihre plastische Logik durchschauen kann, da alle Teilstücke aus Ton- und Gipsmassen in stereotypen Kästen geformt sind. Zum einen sind sie darin mit den Händen zu Mulden und Schalen gedrückt worden und zum anderen zu Platten und Blöcken gegossen. Manche Objekte präsentieren sich sogar eingebettet in Kästen aus MDF-Platten, die auf das Entstehen ihrer Formteile verweisen und sie zugleich schützend ummanteln.

Das Ausgießen von Formkästen mit Gips oder das Eindrücken keramischer Massen in ihre Wandungen lässt zwei gegensätzliche Formarten entstehen. Sie unterscheiden sich im Verlauf ihrer Oberflächen, in ihrer Farbigkeit, Tastqualität und, nicht zuletzt, in ihrer energetischen Aufladung. Die griffige, körnig gehaltene Höhlung oder Kammer tritt mit ihrer aufnehmenden Geste in Kontrast zur glatt geschliffenen, verdichteten Volumen­grenze und erlaubt ein gewisses Vordringen von Auge und Hand in den begrenzten Schichtenraum des Objektes.

Verbunden durch Montagen bilden die kontrastierenden Teilstücke gereihte und gestapelte Formationen. Ihre jeweiligen Ausgangsgrößen bleiben dabei allerdings an Kanten, Graten, Rändern oder sichtbar belassenen Nähten ablesbar. Ganz klar voneinander getrennt sind einzelne Teile durch offene Fugen. Besonders durch diese abgesetzten, zuweilen ein wenig verschobenen Teilstücke erfahren die Gefügeordnungen der Objekte spürbare kinetische Impulse, die sich uns Betrachtern suggestiv mitteilen. Ihr potentielles Schieben und Gleiten, Abheben und Schweben lockert und öffnet die strenge kubische Struktur.

Seit 1998 hat Doris Kaiser ihre Objekte über die faktische Gliederung hinaus zusätzlich bezeichnet. Sie ritzt Linien in die keramischen Senken und zieht Graphitstriche auf den Ebenen aus Gips. Eine verlockende Freiheit tut sich auf, die reale Massenordnung dadurch zu überspielen und dem Schauenden einen imaginären Umgang mit dem Objektganzen und seinen Teilen vorzuschlagen. Drehmotive tauchen auf, ansetzende Teilungen, diagonale Verschränkungen, Kurven unterschiedlicher Krümmung, deren Abstraktionsgrad sich jenem der "konkreten" Objektstruktur anzunähern sucht. Die Zeichenhaftigkeit dieser Lineaturen ergänzt und bereichert die plastische Formation und irritiert sie zudem in ihrer lapidaren Dinglichkeit.

Genau abgestimmte formale Eingriffe sowie denkbare Lageverschiebungen widersprechen also der Vorstellung vom dauerhaften und beständigen Raumobjekt. Es gewinnt einen von Zeiterlebnissen bestimmten "inneren Spielraum". Dennoch bewahrt jedes Objekt seinen gegenständlichen Charakter, weil das Spiel der Phantasie das Urteil der Anschauung nicht verdrängt. Ohne Spekulation, ohne Titel, zwanglos zeigen sich die spezifischen Vorgaben, die Doris Kaiser in ihren Objekten konzentriert hat: Zurückhaltende Berührung, beruhigte Entschlossenheit, entlastete Schwere, vibrierende Stille.

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